Presse

2025-03-28

DIN 94681: Der "Gebäude-TÜV" und die öffentliche Debatte dazu

„Beteiligung, Transparenz und Konsens sind die Grundpfeiler unserer Arbeit“

Portrait von Daniel Schmidt
Daniel Schmidt, Mitglied des Vorstandes
© Eva Häberle

Der Norm-Entwurf zur DIN 94681 „Verkehrssicherheitsüberprüfung für Wohngebäude“ – kurz auch "Gebäude-TÜV" genannt – hat eine breite öffentliche Debatte entfacht. Daniel Schmidt, Mitglied des Vorstands, ordnet die Kritik ein, erklärt die Intention des Entwurfs und gibt einen Ausblick auf den weiteren Prozess.   

In den letzten Tagen stand der Norm-Entwurf zur DIN 94681 „Verkehrssicherheitsüberprüfung für Wohngebäude“ in der Kritik. Worum ging es? 

Daniel Schmidt: Wir verstehen, dass der Entwurf zur DIN 94681 in der Öffentlichkeit Sorgen ausgelöst hat – insbesondere mit Blick auf mögliche zusätzliche Belastungen für Eigentümer und Mieter. Ziel des Entwurfs ist jedoch nicht, neue Pflichten zu schaffen, sondern bestehende gesetzliche Anforderungen besser verständlich zu machen. Der zuständige Ausschuss hat deshalb einen Entwurf entwickelt, der Eigentümerinnen und Eigentümern helfen soll, Risiken zu erkennen und ihren Verkehrssicherungspflichten nachzukommen. Der Entwurf ist als praxisnaher Leitfaden gedacht – er soll bestehende Anforderungen auf verständliche Weise bündeln und konkretisieren. 

Was soll die Norm Eigentümerinnen und Eigentümern ganz konkret bringen? 

Die Norm soll klare, verständliche Orientierung für bestehende Pflichten geben – insbesondere zur Verkehrssicherheit rund ums Gebäude. Sie enthält Hinweise, Checklisten und Beispiele, die dabei helfen sollen, Risiken zu erkennen und rechtssicher zu handeln, und so Haftungsrisiken zu vermeiden und Sicherheitsmaßnahmen effizient umzusetzen – ohne sich durch komplexe Einzelregelungen kämpfen zu müssen. Anders als vielfach berichtet, verpflichtet der Entwurf nicht zur Beauftragung von Dienstleistern. Viele der beschriebenen Maßnahmen – wie die regelmäßige Kontrolle von Gehwegen oder Treppenhäusern – können Eigentümer*innen selbst durchführen. Wer Risiken und Modernisierungsbedarfe frühzeitig erkennt, kann nicht nur die Sicherheit erhöhen, sondern auch Kosten senken und Haftungsrisiken vermeiden. 

Wie gehen Sie mit der Kritik um? 

Alle fachlichen Meinungen sind uns wichtig – sie sind Teil unseres Prozesses und machen unsere Arbeitsergebnisse wertvoller. Wir nehmen die Rückmeldungen sehr ernst und prüfen sie im Rahmen des laufenden Normungsverfahrens. Normung ist ein öffentlicher, partizipativer Prozess. Gerade die kontroversen Diskussionen zeigen, wie relevant das Thema ist. Deshalb stellen wir Entwürfe zur Kommentierung bereit – damit alle Stimmen gehört werden können. 

Wie sieht ein solcher Normungsprozess konkret aus? 

Normen entstehen im Dialog: Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Verbraucherschutz entwickeln gemeinsam zunächst einen Entwurf. DIN koordiniert diesen Prozess. Wichtig dabei: DIN initiiert keine konkreten Themen und entwickelt keine Normen-Inhalte, sondern moderiert und organisiert die Zusammenarbeit – neutral, transparent und im öffentlichen Interesse. Nach der Erarbeitung im Normungsgremium, welches mit Expertinnen und Experten der relevanten Stakeholdergruppen besetzt ist, folgt die öffentliche Kommentierungsphase – ein zentrales Element für Transparenz und Qualität. In dieser Zeit – in der Regel mehrere Wochen – kann jede und jeder Stellung nehmen.  

Welche Möglichkeiten hat der Ausschuss nach der Kommentierungsphase? 

Der Ausschuss kann Kommentare aufgreifen und Normen anpassen oder auch zurückweisen – stets auf Basis fachlicher Abwägung. Ist die fachliche Kritik schwerwiegend und begründet, kann der Entwurf zurückgezogen werden. Sofern dennoch seitens der involvierten Expertinnen und Experten eine Veröffentlichung der Inhalte angestrebt wird, kann ein neuer Prozess beginnen oder ein anderes Format der Veröffentlichung gewählt werden – etwa ein Technischer Report. 

Das zeigt: Normung ist kein starres System, sondern reagiert auf die Bedürfnisse der Gesellschaft. 

Was ist der Unterschied zwischen einer Norm und einem Technischen Report? 

Technische Reports sind Orientierungshilfen. Normen hingegen bieten formale Regelungen und beschreiben jeweils den Stand der Technik. Dieser besagt, was technisch unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen möglich ist. Normen sind freiwillig in ihrer Anwendung. Ausnahmen sind gegeben, wenn Gesetze oder Verordnungen auf Normen verweisen. In der Praxis – gerade im Baubereich – ziehen Gerichte Normen oft als Entscheidungshilfe heran.  

Wichtig ist: Der Entwurf zur DIN 94681 schafft keine neuen Pflichten. Die Anwendung der Inhalte ist und bleibt freiwillig – das Ziel ist, Klarheit zu schaffen, nicht zusätzliche Bürokratie. 

Warum werden Normen von Gerichten in der Rechtsprechung herangezogen?  

Normen bieten eine ausgewogene fachliche Basis für Beurteilungen, daher nutzen Gerichte sie oft als Entscheidungshilfe. Es besteht die Möglichkeit, durch zivilrechtliche Verträge von ihnen abzuweichen. Neue Konzepte wie der Gebäudetyp E oder der Hamburg-Standard haben es sich zum Ziel gesetzt, hierbei mehr Flexibilität zu schaffen und Abweichungen von Normen zu erleichtern. Das begrüßen wir ausdrücklich.   

Wie geht es jetzt im Falle der DIN 94681 weiter? 

Der Entwurf kann bis zum 7. April 2025 über das Norm-Entwurfs-Portal kommentiert werden. Darüber hinaus freuen wir uns über Hinweise auf allen anderen Wegen – etwa per E-Mail oder über Verbände. Auch Interessensvertretungen oder Einzelpersonen können Stellungnahmen einreichen – ob juristisch, fachlich oder aus Sicht der Praxis. Unser Appell: Bringen Sie sich ein. Je mehr Perspektiven wir einbinden, desto tragfähiger wird das Ergebnis. 

Wird die DIN 94681 als Norm veröffentlicht werden? 

Das entscheidet der Ausschuss auf Basis aller eingegangenen Rückmeldungen. Der Wunsch nach einem klaren, verständlichen Leitfaden ist nachvollziehbar. Ob dafür eine Norm das richtige Format ist, wird vom Ausschuss geprüft.  

Für uns zählt: Das Ergebnis muss der Praxis dienen – nicht zusätzliche Komplexität schaffen. 

Kann man aus dieser emotionalen Diskussion auch etwas lernen? 

Ja – und das ist zentral: Beteiligung, Transparenz und Konsens sind die Grundpfeiler unserer Arbeit. Nur so entstehen Normen, die akzeptiert und angewendet werden. Die Diskussion zeigt aber auch: Normung wird in Teilen der Öffentlichkeit mit Bürokratie gleichgesetzt. Dabei ist das Gegenteil unser Ziel: Normen schaffen Klarheit, bündeln Regeln, machen Vorgaben verständlich – und helfen so, Zeit und Geld zu sparen und Unsicherheit zu reduzieren.  Das müssen wir künftig noch besser erklären – und unsere Kommunikation weiterentwickeln. Denn: Normung lebt von Vertrauen – und dieses Vertrauen verdient kontinuierliche Erklärung, Offenheit und Beteiligung.

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Daniel Schmidt

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